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Memories

Ein Blatt Papier, mit dem Titel MEMORIES.

Das klingt ziemlich dramatisch. Ich habe Angst, irgendetwas was wir gemeinsam erlebt haben, zu vergessen.

Ich schreib einfach drauf los, nicht chronologisch, sondern so wie es mir gerade einfällt.

 

Als ich noch zu Hause gewohnt habe, haben wir unsere Zimmer nebeneinander gehabt. Mein Zimmer war immer das „Durchgehzimmer“. Ich hab es gemein gefunden, dass er mit Heike die Zimmer mit Bad und WC bewohnt hat- eigentlich schon fast eine Wohnung mit eigener Haustüre. Wie oft hat er angeklopft, ein Lächeln aufgelegt, und gefragt, ob er durchgehen darf, weil es draußen sooooo kalt ist, oder weil er nur schnell den Staubsauger braucht, oder ein Taschentuch. Oft hat er auch versucht mich zu „erpressen“. Zum Beispiel, dass er mich dort und dort nicht abholt- natürlich immer mit seinem liebenswerten Grinsen.

Oft hatte er dann auch noch rote Augen (vor allem abends). Und wenn er mich dann angelacht hat, konnte man einfach nur zurücklachen.

Wir haben oft darüber gestritten, ob er durchgeht oder nicht. (Eigentlich ein ziemlich banales Thema, aber das Durchgehen hat uns endlose Diskussionen beschert).

Thomas war sowieso immer schon jemand, der ewig diskutieren konnte. Egal über was. Und am Ende konnte man fast sicher sein, dass man seine Meinung angenommen hat, auch wenn man zuvor vom Gegenteil überzeugt war. Er war nie um eine Antwort verlegen.

Als wir noch Kinder waren, hat er nicht diskutiert, sondern mich pausenlos geärgert. Wenn ich an unsere Kindheit zurückdenke, denke ich immer nur daran wie sehr ich ihn gehasst habe. Wirklich gehasst! Er hat mich immer zur Weißglut gebracht. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal in ein Zimmer bei meiner Oma geflüchtet bin, und ich weiß noch ganz genau, dass ich mir gewünscht habe, dass er gar nicht mein Bruder ist, und wir ihn adoptiert haben, und jetzt zurückgeben können. Das war zu der Zeit mein größter Wunsch.

Meine Oma hat oft gemeint, dass ich Thomas einfach ignorieren soll, wenn er mich ärgert. Aber natürlich hat mein Bruderherz das gewusst, und je mehr ich versucht habe ihn zu ignorieren, desto mehr hat er mich geärgert.

Wenn er doch einmal „lieb“ zu mir war, dann nur scheinbar. Zum Beispiel hätte ich damals misstrauisch werden müssen, als er mir ein Glas Wasser ins Wohnzimmer brachte. War nämlich ziemlich versalzen...

Irgendwann habe ich bemerkt, dass Thomas immer bestraft wurde, egal wer zu streiten begonnen hatte. Das habe ich dann irgendwann ausgenützt. Denn es hat bei meinen Eltern schon gereicht, wenn ich gesagt habe, dass mein Bruder Schuld ist. Also wenn ich ihn geärgert habe und wir zu streiten begonnen haben, dann war trotzdem immer er Schuld.

Mein Bruder schuldet mir noch 50 Schilling. Er hat einmal gesagt, dass er bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr ins Fernsehen kommt. Entweder als Sportler (Tennisspieler, Fußballer), oder zumindest als Schiedsrichter.

Thomas und ich haben einmal, als wir noch jünger waren, über irgendetwas eine Diskussion geführt. Er hat dann gemeint, dass ich erst dasselbe darf wie er, wenn ich gleich alt bin wie er. Heute ist mir der komische Gedanke gekommen, dass wenn ich 24 Jahre alt bin, sogar älter sein werde, als er in diesem Leben geworden ist.

Ein seltsamer und irgendwie auch erschreckender Gedanke.

Immer wenn ich nach Hause gefahren bin, habe ich gehofft, dass Thomas da ist und wir uns kurz zusammensetzen, eine rauchen, und einander erzählen wie es uns geht, oder was wir so machen. Das vermisse ich jetzt ziemlich, denn diese paar Minuten mit ihm, haben mir immer sehr viel bedeutet und in einer gewissen Weise auch Kraft gegeben. Ich vermisse auch sein Auto, dass im Hof steht, oder dass er mir im Lurtengraben mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit entgegenkommt.

Er war ein Mensch der keine Sekunde ruhig sitzen konnte. Wenn wir bei meiner Oma zum Essen eingeladen waren, wurde er nach 2 Stunden unruhig, und hat dann oft eine Ausrede erfunden, damit wir heimfahren. Wir haben uns immer abgewechselt beim Fahren. Einmal mit seinem Auto, beim nächsten mal mit meinem.

Sein Auto war das dreckigste, das ich kannte. Es war regelrecht eine Müllhalde, was ihn aber weiter nicht störte. Gegen den Gestank hatte er Wunderbäume. Und er hat immer gesagt, dass er es zu Schrott fahren wird, und dann ein neues kauft.

Mein Bruder war nie jemand, der sich groß aufgespielt hat, nur weil er älter ist. Er hat nie den „Beschützer“ gespielt, der auf seine kleine Schwester aufpasst. Aber trotzdem habe ich gewusst, dass er zu mir steht, egal was passiert.

Das er sich auch manchmal Sorgen um mich gemacht hat, hab ich erst später erfahren. Damals zum Beispiel, als ich nach Judendorf gekommen bin, und alles und jeden so faszinierend fand.

 

Das letzte Mal habe ich Thomas am Freitag vor seinem Unfall gesehen. Ich wollte immer mal mit ihm zusammen fortgehen, und seine neuen Freunde kennen lernen. An diesem Abend haben wir uns zufällig im Landgraf getroffen. Ich war das erste Mal im Landgraf, und wollte eigentlich schon mit zwei Freundinnen in ein anderes Lokal gehen. Auf jeden Fall habe ich draußen auf irgendetwas gewartet, und ich habe auf einmal Ralf gesehen. Ich begrüße ihn, und frage ob mein Bruder auch da ist. Es stellt sich heraus, dass Thomas und ich anscheinend aneinander vorbeigelaufen sind. Also geh ich wieder runter, und wir trinken was zusammen. Wir haben darauf angestoßen, wie toll es ist, dass wir uns in diesem Leben ausgesucht haben, Geschwister zu sein.

Nach ein paar Getränken bin ich ins nächste Lokal, und er hat gemeint, dass er vielleicht noch nachkommt. Wir haben uns dann tatsächlich noch einmal zufällig vor der Scheinbar gesehen. Er und seine Freunde haben gerade darüber diskutiert was sie jetzt machen.

Ich habe meinen Bruder dann noch umarmt und wir haben uns verabschiedet.

Ich weiß noch, dass ich mich umgedreht habe. Und dieses Bild ist wie versteinert in meiner Erinnerung. Er steht auf der anderen Straßenseite, und hat einen schwarzen Mantel an, der nicht ihm gehört. In meiner Erinnerung ist irgendwo über ihnen eine Straßenlaterne, die ihn und seine Freunde beleuchtet. Genau so habe ich ihn das letzte Mal gesehen

Das nächste Mal dann im Krankenhaus auf der Intensivstation.

 

 

 

 

 

 

 

 

18.4.09 23:21

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